FreitagsBrief

„Aus! Aus! Aus! Das Spiel ist aus!“ – Ein Zitat von Herbert Zimmermann, dem ungewöhnlich emotional veranlagten Sportreporter der Fußball-WM 1954. Vielleicht waren das aber auch die letzten Worte von Herrn Lindner beim Verlassen der Sondierungsgespräche. Richtig „rund“ wäre natürlich der Abgang aus der Jamaika-Verhandlung geworden, wenn Lindner mit den Worten „I bims“ an das Mikrofon getreten wäre. Es hätte sein jugendlich getrimmten Aussehen untermalt und wäre ein Beweis von zeitgemäßer Übermittlung politischer Botschaften gewesen. Überhaupt. Darf uns in einer Zeit, in der „I bims“ als Jugendwort 2017 gekürt wurde, noch irgendetwas überraschen? Die Verwunderung weicht, die Verzweiflung über die nachkommende Generation greift beängstigend um sich.

 

Wie bestellt platzen nun also die Sondierungsgespräche und der medialen Aufmerksamkeit glaubend, steht der Globus still. „Was erlauben Lindner?“ – frei nach Trapattoni – schreit es förmlich aus den verletzten Gesichtern der Christdemokraten und Grünen. So werden also Wunden geleckt oder der mediale Hype liberal ausgekostet – je nach Farbe der Parteiflagge.

 

Die grausame Vorahnung einer Neuauflage der Großen Koalition macht sich breit und man ahnt: die 20% der Sozen bei den letzten Wahlen waren noch nicht der Tiefpunkt. Dann vielleicht doch eine Minderheitsregierung? Mit Minderheit kennt sich die Sozialdemokratie ja inzwischen bestens aus.

 

Während also Willi Brand‘s Erben wie die narkotisierten Hermelinchen mit den Folgen und den Optionen der gescheiterten Sondierungsgespräche umher taumeln, übernehmen führende deutsche Industriezweige wie Thyssen und Siemens vorweihnachtliche Verantwortung und kümmern sich um die Vergessenen.

 

So fügt es sich nachträglich bestens, dass das Verfassungsgericht am Dienstag die 2,5%-Hürde bei den Kommunalwahlen gekippt hat. Das ermöglicht der SPD zumindest dort nicht zukünftig an der 5%-Grenze zu scheitern.

 

Wir haben also nun die Gelegenheit, überwältigt von vorweihnachtlichen Gefühlen, uns kerzenduft-betäubt an rot-schwarz zu gewöhnen. Und irgendwann wird uns diese Kombination so vertraut und naturgegeben daherkommen. So alternativlos. Es war eben der „Wählerwille“ und die „Staatsverantwortung“.

 

Mit großen Schritten geht es in die besinnliche Zeit und von überall verkünden blinkende Lichterketten das Fest unseres Religionsstifters. Wem das bisher möglicherweise entgangen ist, spürt das vielleicht an den inflationär aufkommenden Spendenaufrufen. So öffnet denn Herzen und Geldbörsen, bevor im Januar wieder die Versicherungen mit dem Jahresbeitrag im Rahmen stehen.

 

Ich wünsche Euch allen ein entspanntes Wochenende. Es wirk kalt, so sagt man. Nicht nur beim Klima.

Kommt gut in die neue Woche und bleibt bunt und neugierig.

 

Marcus

 

 

 

 

 

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