Archiv des Autors: Gottfried

FreitagsBrief 14/2018

Die umstrittenen Rapper Kollegah und Farid Bang haben den Echo in der Kategorie Hip-Hop/Urban National gewonnen. Diese Juryentscheidung erhielt nicht ungeteilte Zustimmung; einige Sangeskollegen und Vorjahres-Preisträger gaben nach einer angemessenen Zeit des Überlegens und mit dem größten medialen Gehabe, aufmerksamkeitsheischend ihre Preise unter schärfstem Protest zurück. Die Plattenfirma fühlt sich unter dem Druck genötigt, die Zusammenarbeit mit den beiden Lyrikern ruhen zu lassen, allerdings nicht ohne vorher eine Deluxe-Edition der preiswürdigen Platte zu veröffentlichen. Moral follows Money. Eine nicht geahnte Welle der Empörung schwappt durch das Künstlerviertel und die Jury duckt sich gekonnt weg. Die Verkaufszahlen fließen nämlich nur zu 50% in die Preisvergabe ein, 50% der Stimmen haben in Summe 550 Experten der Musikindustrie.
Es wäre doch spannend zu wissen, warum so eine Armee von Experten im Vorfeld derart kläglich versagt haben.

 

Die Bundesregierung hat die Luftangriffe der USA, Großbritannien und Frankreich in Syrien als „erforderlich und angemessen“ gelobt, an denen sie selbst sich allerdings nicht beteiligen wollte. Die deutsche Zurückhaltung bei dem Angriff bedauert niemand mehr, als die FDP, namentlich der Herr Graf Alexander Lambsdorff, Bundesvorstand der Liberalen und Mitglied des Bundestages.  Jener Adlige will nun seinen 20-jährigen Sohn Victor Caspar Léonce Graf Lambsdorff nach Syrien schicken, um dort als gutes Beispiel an vorderster Front den Freunden der kämpfenden Allianz hilfreich und bis zur letzten Patrone beiseite zu stehen.

 

Nach dem „angemessenen” militärischen Schlag gegen Syrien wird jetzt erst einmal untersucht, ob das Assad-Regiment überhaupt mit Chemiewaffen gearbeitet hat. Die Reihenfolge irritiert, aber wie sprach unsere Kanzlerin: „Das kann auch meinetwegen noch mal nachgeprüft werden. Aber das hilft uns bei der Verurteilung des Falles jetzt nicht weiter.“ Es geht also offensichtlich nicht mehr um die Wahrheit, sondern um reine Verurteilung, entspricht aber dem Zeitgeist, wo Kriegserklärungen getwittert werden und die Außenpolitik dem Spieleabend im Altersheim entsprungen sein muss.

 

Seit dem Bombardement tummelt sich die OPCW in Syrien, kommt allerdings nicht viel weiter. Man steckt fest vor Douma, wo die Giftgas-Experten wegen einer unüberschaubaren Sicherheitslage eine Zwangspause einlegen. Dabei werden die Herren Experten an ganz anderen Orten dringlichst erwartet: tägliche Chemiewaffen-Angriffe auf landwirtschaftlichen Flächen durch Glyphosate, die Ausgasungsangriffe in den Verkaufsräumen von KIK und auch die Stickoxid-Angriffe von Diesel-Porsche auf die urbane Bevölkerung – alles kaum aufgearbeitet.

 

In einer gemeinsamen Syrien-Erklärung der Außenminister der Europäischen Union heißt es, „das vorhandene Momentum solle für eine Wiederbelebung des diplomatischen Prozesses genutzt werden.“
Das „vorhandene Momentum“. Ein hübscher Ausdruck für zerbombtes Terrain.

 

Erdogan ante Portas, um das lateinische Sprichwort zu bemühen, Erdogan steht vor den Toren. Diesmal allerdings nicht vor Wien. Der Herr Sultan hat das Ränzlein geschnürt und macht sich auf den Weg, seine Landsleute in Alemania mit Jubelveranstaltungen zu beglücken und die vorgezogenen Neuwahlen anzupreisen.
Ein verständlicher Wunsch, schwebt über der Türkei doch nach wie vor der Ausnahmezustand, und wer macht schon gerne Wahlkampf in solch unüberschaubaren politischen Verhältnissen.

 

In diesem Sinn, Brüder und Brüderinnen.
Von dieser Stelle ein sonniges, frühsommerliches Wochenende.
Bleibt neugierig, stark und bunt.

Marcus

Wer mag, sende mir eine Mail an marcus@gottfried.online und läßt sich im Verteiler listen, auf das der FreitagsBrief durch Eure Hand reichlich Verteilung findet in dieser bunten, unüberschaubaren Online-Welt.

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